9. Kapitel - Der dunkle Lord

Morodan starrte schon seit Tagen gebannt auf den magischen Stein. Er hoffte, noch einmal in das Antlitz Godhiens blicken zu können. War er wirklich zugekehrt, so wie die Sieben es ihm bestätigt hatten, oder narrte ihn der Alte mit Verwirrung des Geistes? Warum entzog er sich immer wieder seinem gezielten Blick. Heimlich versuchte er, die alten Kommunikationswege zu belauschen. Doch diejenigen, die sie kannten, waren aufmerksam und nutzten sie nicht mehr oder es war keiner mehr da, der sie anwenden konnte. Das würde natürlich bedeuten, dass er sich womöglich getäuscht hatte. Aber so einfach war das nicht. Godhien war in Erscheinung getreten. War sein alter Feind wirklich von seiner Reise nach Walhall zurückgekehrt?
Er schob den magischen Stein beiseite. Es kostete ihn viel Kraft, der Kugel die verschiedenen Bilder abzuringen. Er musste sich schonen. Der Körper des Alten brachte dauerhaft nicht die Leistung, doe er von ihm abverlangte. Wenn er ihm nicht endlich Ruhe gönnte, würde er ihn verlieren. Aber das durfte um keinen Preis geschehen. Er blickte in die silberne Schale, die er wie einen Spiegel nutzte. Das Gesicht war um einiges gealtert. Tiefe Falten zogen sich durch die zerfurchte Haut. Der Bart war vollständig weiß geworden, auch die Brauen und die langen Haare. Es ging langsam zu Ende mit dem alten, langsam, verfallenden Leib des Eremiten. Etwas Neues musste her. Zunächst hatte er sich überlegt, damit bis zu seiner Ankunft in Tol Dalarna zu warten, wo er sich als neuer Herrscher feiern wollte. Doch er sorgte sich, das dieser Körper es soweit nicht mehr schaffen würde. Lediglich die Tatsache beruhigte ihn, das er seinen Geist und seine Seele rechtzeitig von ihm trennen konnte. Doch er wollte nicht enden wie Loki, der nicht mehr in der Lage war, eine menschliche Gestalt anzunehmen. Ja, er brauchte einen neuen Körper. Jeden Tag verbrachte er nun auch Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Leib. Einige seiner jüngeren Krieger waren äußerlich recht gut geeignet. Doch er konnte sich nicht entscheiden, welches der möglichen Opfer er wählen sollte. Manchmal fragte er sich, ob er die Entscheidung nur verzögerte aus Angst, dass sein Plan nicht gelänge. Ob er sich Gorlog anvertrauen konnte? Nein, unmöglich. Schwäche einzugestehen, war gefährlich. Es war möglich, dass dieser das Vertrauen in seine Macht verlor. So lange es ging, wollte er den Körper des Eremiten für sich behalten, doch dessen sterbliche Uhr tickte täglich lauter.
Am Abend ließ Morodan durch seinen Titan Gorlog  die Hauptmänner zusammenrufen. Sie versammelten sich in der großen Festhalle der Festung von Carda Minura. Als sie alle eingetroffen waren, erhob sich der Magier vom Thron des gehängten Herzogs Nordolf Naruuf. Vor ihm saßen die besten Krieger diesseits und jenseits des Machtbereiches. Die einziges beiden Könige die er fürchtete, waren dingfest gemacht. Er hatte sie überlistet und in die Falle gelockt. Jetzt konnte ihn niemand mehr aufhalten. Er blickte in die grün leuchtenden Augen seiner Offiziere, die einst menschlichen,. elbischen oder zwergischen Geschlechts waren und lachte schallend. Nein, ihn konnte niemand mehr aufhalten. Jeder der es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen, den würde er wegpusten. Es war Krieg und er liebte es, Gewinner zu sein.
"Morgen bricht unser Sturm über Roskilde herein!", rief er laut und erntete enthusiastische Jubelrufe der versammelten Hauptmänner und ihre Abstammung spielte dabei keine Rolle. Sie waren alle begierig, den Krieg zu entfesseln und die freien Völker zu unterjochen. Die Orks wurden angetrieben von ihrem Hunger zu töten und die Untoten waren beseelt von dem Gedanken, sich für ihren Tod zu rächen. Morodan hatte ihnen gewissenhaft eingeredet, dass sie von ihren einstigen Gefährten verraten wurden. Seine Beschwörungen zeigten Wirkung und nun war es soweit, sie kämpfen zu lassen. Zusätzlich stimmten ihn die Nachrichten aus Asturien zuversichtlich. Urlug hatte sich in Asgard behauptet und Tharodrim machte, was er ihm befahl. Und bald schon sollte auch Roskilde in sein Reich einverleibt sein. Morgen war es soweit. Ihn schauderte. Endlich konnte er auf dem Schlachtfeld erproben, wie seine Krieger mit dem schwachen Menschenvolk verfahren würde und was diese unternahmen, um seine Invasion aufzuhalten. Eine gierige Freude auf den kommenden Tod der Roskinen und Roskilder verzückte ihn gänzlich und erregte seinen Geist. Seine Untoten waren nicht zu besiegen, das würden die freien Völker bald einsehen müssen. Ein neuerlicher Schauer eisiger Kälte rann ihm den Rücken herunter und er lachte irre. Dann wandte er sich den Offizieren zu. Er erläuterte ihnen die Strategie des Angriffs und bis zum Morgen war alles geklärt. In den frühen Stunden machte sich sein Heer zum Aufbruch bereit. Endlich gab Morodan den lang ersehnten Marschbefehl und sie zogen los, um den Menschen endgültig den Garaus zu machen und sie vernichtend zu schlagen.
Die Truppen seiner abertausend Untoten setzten sich in Bewegung. Die Trommeln und Hörner des Heeres schlugen in rhythmischen Takt. Sie hallten laut und unerbittlich über die Ebene und kündeten seinen Vormarsch an. Wo sie gingen wuchs kein Kraut mehr und keine Pflanze. Die Krieger hinterließen eine graue, triste Öde. Jedes Dorf, dass sie auf ihren Weg passierten, gab es danach nicht mehr. Blut säumte die Straßen, nachdem die Truppen weiter gezogen waren. Es war geschehen: Der vernichtende Krieg gegen die Menschen war eingeläutet.